Wie aus einer Weihnachtsidee eine Erfolgsgeschichte wurde
Am Anfang stand ein Wunschgedanke. Dieser entsprang dem Rheinfelder Peter Räss im Spätherbst des Jahres 1980 auf einer Geschäftsreise nach München. Er war fasziniert von den vielen, prächtigen Verkaufsständen, die in der Vorweihnachtszeit ganze Strassenzüge belegten und allerlei Waren für Weihnachten anboten. Peter Räss, aktiver Augärtler aus der Pionierzeit dieser Rheinfelder Siedlung schwärmte von der Vorstellung, dieses Bild mit den Verkaufsständen auf Rheinfelden übertragen zu sehen.

Die Gelegenheit, diesen Gedanken weiter zu spinnen, bot sich im Jahre 1981, welches die UNO zum „Jahr der Behinderten“ erklärte. Im Frühjahr formierte sich im Augarten eine „Aktion zugunsten der Behinderten von Rheinfelden“, initiiert von Peter Räss und mit tatkräftiger Unterstützung durch die Siedlungsleitung Augarten. Erklärtes Ziel dieser Aktion war, Mittel für einen Fond zu schaffen, der den benachteiligten behinderten Mitbewohnern von Rheinfelden bei ihren Transportproblemen Hilfestellung anbietet: entweder finanziell oder durch die Bereitstellung eines geeigneten Fahrzeuges. Ein Organisationskomitee wurde gegründet, in dem unter dem Motto “Mitenand goht’s besser“ Rheinfelder aus allen Quartieren ihre Tätigkeiten aufnahmen. Geplant waren die verschiedensten Aktivitäten, kulinarischer und kultureller Art, welche dann am 12. und 13. September in einem grossen Festbetrieb im Augarten ihren Höhepunkt erreichen sollten.

Das grosse Fest vom 12./13. September 1981
Schon im Voraus hatte das Organisationskomitee mehrmals in den Zeitungen auf das grosse Wohltätigkeitsfest hingewiesen. Toni Heilmann entwarf das noch heute gültige Signet mit dem Helfer, der dem im Rollstuhl sitzenden Behinderten die Hand reicht. Damit wurde bereits ein Corporate Identity für die künftige Stiftung in der Bevölkerung verankert. Das Fest selber fand grossen Zuspruch, die diversen Stände und Beizli füllten sich mit zahlreichen Besuchern aus Rheinfelden und den umliegenden Gemeinden. Konzerte und weitere Aktionen wurden zugunsten der Behinderten organisiert und Stadtrat Hansruedi Schnyder brachte im Namen der Ortsbürger Rheinfeldens 10'000 Franken als Startkapital mit. Nach dem gelungenen Fest konnte die „Aktion zugunsten der Behinderten von Rheinfelden“ über den grossartigen finanziellen Erfolg informieren: Dank dem selbstlosen Einsatz unzähliger Rheinfelder in Vereinen, Organisationen oder Firmen sowie der grosszügigen Spende- und Festfreude der Bevölkerung konnte ein Reingewinn von sage und schreibe 72'000.- Franken realisiert werden!

Gründung der Stiftung
Am 21. Dezember 1981 wurde eine Stiftung unter dem Namen „Stiftung zu Gunsten der Behinderten von Rheinfelden“ mit Sitz in Rheinfelden errichtet, die ihre Tätigkeit am 1. Januar 1982 aufnahm. Die Gründungsmitglieder Peter Räss, Hans Schneider-Rudin und Ursula von Tscharner wurden vom Gemeinderat Rheinfelden auch in den Stiftungsrat gewählt. Das Stiftungsvermögen betrug Fr. 75'000.- und der Stiftungszweck wurde wie folgt definiert: „Die Stiftung bezweckt die Bereitstellung eines Fahrzeuges zur Durchführung von Transporten für Behinderte“. Der ursprüngliche Namen der Stiftung „Stiftung zu Gunsten der Behinderten von Rheinfelden“ wurde 1992 in „Stiftung Behindertenfahrdienst Rheinfelden“ (BFD) umbenannt, um eine Verwechslung mit einer anderen Stiftung zu Gunsten Behinderter zu vermeiden.

Nach der Stiftungsgründung begann für den neuen Stiftungsrat die eigentliche Knochenarbeit: Es musste ein Reglement erarbeitet werden, welches die Einzelheiten des Fahrbetriebes umschrieb und festlegte. Dazu gehörte auch die Beschaffung eines geeignet ausgestatteten Fahrzeuges. Für diese Aufgaben stand man im Kontakt mit bewährten Fachleuten bereits bestehender Organisationen, Frühzeitig wurde auch ein Aufruf an die Bevölkerung erlassen, sich als freiwillige Helfer zur Verfügung zu stellen, vor allem als Fahrerin und Fahrer, sowie für die Besetzung der Einsatzzentrale.

Am Freitag, 11. März 1983 konnte Peter Räss als Präsident der Stiftung zu Gunsten der Behinderten (BFD) von Rheinfelden im Rahmen einer kleinen Feier im Rheinfelder Rathaushof vor einer stattlichen Zahl interessierter Gäste einen fabrikneuen, für den Behinderten-Transport umgerüsteten VW-Transporter übernehmen und vorstellen.

Am 11. April 1983 wurde die Einsatzzentrale des BFD montags, mittwochs und freitags in Betrieb genommen. Die Zentrale befand sich damals im Büro der Pro Infirmis in der Solbadklinik, heute Reha. Der eigentliche Fahrdienst wurde am 12. April 1983 aufgenommen. Ab 1996 übernahm dann die Zweigstelle des Schweizerischen Roten Kreuzes in Frick die Disposition der Fahrten, Anmeldungen waren dadurch täglich möglich. Diese Zusammenarbeit erwies sich als sehr sinnvoll, da die Auslastung der Fahrzeuge verbessert werden konnte, und Fahrgäste mit Rollstühlen vom BFD, jene ohne Rollstuhl mit den Privatautos der Mitarbeiter/innen des SRK befördert werden konnten.

Jahr für Jahr eine Steigerung
Der Fahrbetrieb entwickelte sich positiv und die Anzahl Fahrten, sowie die gefahrenen Kilometer konnten kontinuierlich gesteigert werden. Beschränkten sich die Fahrten zu Beginn vor allem auf Insassen von Rheinfelder Alters- und Pflegeheimen, so meldeten sich doch immer mehr Personen, die das Fahrzeug auf der Strasse in Betrieb gesehen hatten, und sich nun als Fahrgäste vom BFD an ein Zielort bringen liessen. Heute kommen unsere Passagiere auch aus umliegenden Gemeinden wie Möhlin, Kaiseraugst, Magden oder Olsberg.

Günstige Fahrpreise
Die Fahrpreise haben sich in den 25 Jahren des Bestehens erstaunlich wenig verändert. So wurden anfänglich für Fahrten innerhalb von Rheinfelden pro einfache Fahrt Fr. 3.-- (retour Fr. 6.--) erhoben. Diese Preise waren noch bis Anfang 2006 gültig. Für Fahrten ausserhalb Rheinfeldens wurde der Tarif pro km errechnet. So galt 1987 für Einwohner von Rheinfelden und den umliegenden Gemeinden ein Preis von Fr.--.40 pro gefahrenen km, für alle übrigen Benützer ein Ansatz von Fr. --.60/km. Auf den 1. März 2007 wurde eine neue Tarifstruktur eingeführt, die im Wesentlichen auf einem km-Preis von Fr. -.70 beruht.

Die Fahrer
Es ist selbstredend, dass ein Fahrbetrieb nur mit Fahrerinnen und Fahrern durchgeführt werden kann. Der Fahrdienst sollte den Behinderten zu möglichst preisgünstigen Bedingungen angeboten werden. Es war deshalb von vornherein klar, dass von den Fahrer/innen ein ehrenamtlicher Dienst verlangt wurde. Die Rekrutierung der Fahrer/innen war nie eine leichte Aufgabe. So musste der Stiftungspräsident Peter Räss bei der Einweihung des 1. Fahrzeuges festhalten, dass ein kleiner Wermutstropfen vorhanden sei, denn es hätten sich wohl freiwillige Fahrer gemeldet, aber es seien immer noch zu wenige, um die Dienstleistungen in ihrem ganzen Umfang aufrecht zu erhalten.

Ein ‚Generationenwechsel’ im Stiftungsrat
Das Gründungsmitglied Ursula von Tscharner verschied am 30. November 1997 nach kurzer, schwerer Krankheit. In der Folge wurden vom Gemeinderat Rheinfelden am 4. Januar 1999 neu Frau Lili Mürner und Angelo Storni in den Stiftungsrat ernannt. Am Fahrertreffen vom 12. April 2005 gaben der Stiftungspräsident Peter Räss und der Kassier der Stiftung Hans Schneider-Rudin auf Ende 2005 ihren Rücktritt aus der Stiftung bekannt. Beide waren als Gründungsmitglieder seit 25 Jahren bei der Stiftung in ihren Funktionen tätig gewesen. Im November 2005 wurde dem mehrfach geäusserten Wunsch der Stiftung zur Bestimmung eines Gemeindevertreters im Stiftungsrat Folge geleistet und Frau Beatrice Kuonen, Mitglied der Sozialkommission in den Stiftungsrat gewählt. Gleichzeitig wurde die Nachfolgeregelung des Kassieramtes durch die Wahl von Hansruedi Meier-Laule bestätigt. Auf Antrag der Stiftung wurde am 12. Dezember 2005 auch Toni Schnider als Präsident in den Stiftungsrat gewählt. Damit war wieder ein neues Team als Stiftungsrat zusammengestellt, das sich ab 2006 mit neuem Elan an die Arbeit machte.

Im Verlauf des Jahres 2006 teilte Agath Isenring mit, dass sie die Stelle als Geschäftsführerin des BFD auf Ende 2006 abgebe. Sie war seit der Gründung des BFD immer aktiv an der Front dabei, über 25 Jahre. Am Anfang betreute sie die Einsatzzentrale, bis diese mit der des SRK-Frick zusammengelegt wurde, dann führte sie die administrativen Geschäfte des BFD.

Die wesentlichste Zielsetzung des neuen Stiftungsrates war für die Sicherstellung eines langfristigen Überlebens der Stiftung BFD Rheinfelden und deren Wirken zugunsten der Behinderten besorgt zu sein. Als erstes wurden die Organisationsstruktur, die Aufgaben und Kompetenzen neu geregelt. In den letzten Jahren konnten auch die Aufwendungen nicht mehr durch die Fahreinnahmen und Spenden gedeckt werden. Deshalb mussten immer wieder die Reserven zur Deckung des laufenden Betriebs angezapft werden. Massnahmen zur Verbesserung der finanziellen Situation wurden deshalb dringend nötig. Per 1. März 2006 wurden neue Fahrpreise festgelegt, die auf einem Ansatz von Fr. 0.70 pro Fahrkilometer basieren. Aber auch diese moderate Erhöhung der Fahrpreise reichte nicht aus, die Betriebskosten durch die Fahrteneinnahmen zu decken. Durch den grossen Einsatz des Kassiers Hansruedi Meier wurde erreicht, dass die Stadt Rheinfelden und alle umliegenden Gemeinden sowie andere Institutionen neu einen jährlichen Beitrag an die Betriebskosten des BFD leisten.

Fahrzeuge
Folgende Fahrzeuge waren im Lauf der letzten 25 Jahre beim BFD im Einsatz:
  • VW-Transporter, mit Stiftungskapital im Januar 1983 gekauft bei ASAG AG Basel (Fr. 20'020.-), umgebaut durch Schlossermeister Kurt Mühlemann, Arisdorf; gefahren von 1983 – 1989. Das Fahrzeug wurde dann dem WBF geschenkt
  • VW-Transporter, vom Kiwanis Club Rheinfelden gesponsert; gefahren von 1989 – 1999 (> 200'000 km). Nach der Ausmusterung ging das Fahrzeug an eine Familie mit behinderten Kindern in Magden.
  • Mercedes Vito, z.T. mit Legat W. Siefert gekauft, Umbau gesponsert durch Jakob Vogel und durch Fa. Streuli, Dierikon ausgeführt; gefahren von 1999 – 2007 (ca. 195'000 km).
  • VW T5-Combi/Caravelle "lang" (Transport von 2 Rollstühlen möglich). Basisfahrzeug gesponsert durch Angestelltenverband Roche (AVR); Umbau durch Fa. Warpel, Düdingen, ab Juni 2007.Einsatz ab August 2012 alternativ zu T5-Combi/Caravelle "lang" mit Wechselnummer
  • VW T5-Combi/Cravelle "kurz", finanziert durch Spenden und Rückstellungen, Umbau durch Fa. Warpel, Düdingen, Einsatz ab August 2012 mit Wechselnummer
  • VW T5 Multivan „kurz“; zur Zeit im Umbau, wird Anfang Mai 2015 in Betrieb genommen

Wichtige Aufgaben stellten sich im Zusammenhang mit der Neuanschaffung eines Behindertenfahrzeuges. Der Mercedes Vito, bereits das 3. Fahrzeug des BFD, kam langsam ins Alter. In zweifacher Hinsicht war der SR gefordert: 1. mit der Finanzierung und 2. mit der Evaluation eines neuen Fahrzeuges. Dank unermüdlichem Einsatz des Kassiers konnten im Jahre 2006 ausserordentlich grosszügige Spenden generiert werden. Der Spendenaufruf zugunsten eines neuen Fahrzeuges stiess auf grosse Unterstützung und erbrachte weit über Fr. 100'000.-- Eine grosse Überraschung und grosse Freude brachte dann im Dezember die Mitteilung des Angestelltenverbandes Roche AVR in Basel, dass er dem BFD ein neues Fahrzeug im Wert von Fr. 60'000-- spenden werde. Damit war vorerst die finanzielle Seite geregelt.

Das Evaluierungsverfahren für den neuen VW T5-Combi begann bereits im Frühling 2006. Alle Fahrer wurden angefragt, ihre Anforderungen und Wünsche an ein Neufahrzeug zu dokumentieren. Ein Team wurde gebildet und es fanden verschiedene Besuche bei Spezialfirmen statt, die Fahrzeuge Behinderten gerecht umbauen. Nach Abwägung unzähliger Varianten fiel Ende 2006 der Entscheid zugunsten eines VW Transporter Caravelle mit Bodenausschnitt, Absenkhydraulik und Einfahrrampe. Für den Transport behinderter Fahrgäste wurden verschiedene komfortable Lösungen ausgewählt, sowie Zusatzeinrichtungen, die eine hohe Sicherheit für die Fahrgäste gewährleisten. Das Basisfahrzeug wurde von der Garage Jegge AG in Stein geliefert, der Umbau erfolgte durch die auf diesem Gebiet spezialisierte Firma Warpel AG in Düdingen.

Das neue Fahrzeug wurde am 6. Juni 2007 im Rahmen einer eindrücklichen Feier zum 25-jährigen Bestehen des BFD in der REHA eingeweiht und den Festteilnehmern vorgestellt. Es wurde am 7. Juni 2007 in Betrieb genommen.

Positiver Ausblick
Man kann ohne zu übertreiben behaupten, dass der BFD in den 25 Jahren seines Bestehens eine Erfolgsgeschichte geschrieben hat. Die ständig gewachsenen Zahlen von ausgeführten Fahrten und der dabei zurück gelegten Kilometer sprechen eine eindeutige Sprache. Der BFD erfüllt im unteren Fricktal eine sozial wichtige Aufgabe, auf die nicht mehr verzichtet werden kann. Ein Blick auf die heutige demographische Entwicklung zeigt, dass die Bedeutung des BFD in Zukunft eher noch zunehmen dürfte. In diesem Zusammenhang ist es von eminenter Wichtigkeit, dass die Stiftung BFD Rheinfelden heute dank der im Jahre 2006 reichlich geflossenen Spenden finanziell sehr gut da steht. Damit ist der Betrieb des BFD für die kommende Dekade in finanzieller Hinsicht gesichert, und es sollte auch weiterhin möglich sein, die Mobilität behinderter Mitmenschen zu sozial verträglichen Preisen zu gewährleisten. Dazu braucht es natürlich weiterhin die unerlässliche und unverzichtbare Mitwirkung ehrenamtlicher Fahrer, die bereit sind, einen wesentlichen Anteil ihrer Freizeit dem BFD zur Verfügung zu stellen.

In den Köpfen der Gründer geisterte im Jahre 1981 die Idee herum: „Ein ‚Jahr des Behinderten’ ist ja gut und recht, doch was nützt es, 365 Tage lang an die Behinderten zu denken, und diese Gedanken dann am 31. Dezember zu Grabe zu tragen?“

Der Stiftungsrat hat die Voraussetzung geschaffen, dass der Behindertenfahrdienst auch in Zukunft Jahr für Jahr an 365 Tagen seine wichtige Aufgabe wahrnehmen kann. Ein weitsichtiges Ziel der Initianten lebt auf diese Weise weiter.